Was ist eine Messsucherkamera?

Der Buchstabe M steht für eine traditionsreiche Messsucherkamera. Messsucherkameras haben keinen Schwenkspiegel und keinen Prismensucher wie Spiegelreflexkameras. Durch die geringere Schnittweite zwischen dem Sensor und der hinteren Objektivlinse bauen die Objektive der Messsucherkameras sehr klein. Es lassen sich Objektive mit einer sehr hohen Abbildungsqualität herstellen. Das Prinzip der Entfernungsmessung existiert bei der Messsucherkamera seit nahezu 60 Jahren, so dass ältere Objektive mit neuen, modernen Kameras verwendet werden können. Bei der Entfernungsmessung wird einfallendes Licht im Sucherfenster (1) und auf dem kleinen, drehbaren Spiegel, der sich hinter dem benachbarten Ausblickfenster (2) des Entfernungsmessers befindet, für die Fokussierung herangezogen. Im Sucherzentrum wird ein kleines und helleres Mess-Feld projiziert. Die Aufhellung wird über Spiegel von dem benachbarten Ausblickfenster in den Sucher geleitet. Hinter dem benachbarten Ausblickfenster befindet sich noch ein drehbarer Spiegel, der zusätzlich ein virtuelles Bild in den Sucher projiziert, das je nach Spiegelstellung einen horizontalen Versatz aufzeigt und die Unschärfe charakterisiert. Die Drehbewegung zwischen dem Spiegel und dem Entfernungseinstellring des Objektivs erfolgt mechanisch über eine Nockenrolle und Nockenbahn. Die Nockenrolle ist Bestandteil der Kamera und die Nockenbahn befindet sich stirnseitig am Tubus der Entfernungseinstellung des Objektivs. Vertikale, versetzt dargestellte Linien gleichen Objektursprungs vom Sucherbild und von dem durch den drehbaren Spiegel erzeugten virtuellen Bild werden über den Entfernungseinstellring des Objektivs zur Deckung gebracht. Genutzt werden kann diese Entfernungsmessung nur bei Objektiven, die eine entsprechende Nockenbahn am Tubus aufweisen. Die optische Entfernungsmessung ist extrem schnell und präzise, sie arbeitet bei ausgeschalteter Kamera ohne Kameraelektronik und lässt sich sinnbildlich am einfachsten über ein trigonometrisches Gedankenmodell erläutern. Sind bei einem rechtwinkligen Dreieck die Länge eines Schenkels und der Winkel zwischen Schenkel und Hypotenuse bekannt, kann die Länge des zweiten Schenkels (die Entfernung zum Objekt) berechnet werden. Die bekannte Schenkellänge ist der Abstand zwischen dem Sucherfenster und dem benachbarten Ausblickfenster des Entfernungsmessers hinter dem sich der drehbare Spiegel befindet. Die Drehposition des Spiegels definiert den Winkel in dem Vermessungsdreieck.

Die Kamera weist 2 zusätzliche elektronische Einstellhilfen für die Entfernungsmessung auf, so dass auch Fremd-Objektive mit einem Adapter verwendet werden können: die digitale Vergrößerung des Bildes und die Anwendung von „Focus Peaking“ auf dem rückwärtigen Kameradisplay (im Live View Modus) oder in dem mobilen elektronischen Sucher (EVF, Electronic View Finder), der in den Blitzgeräteschuh gesteckt wird. Hierzu wird das Bild auf dem jeweiligen Display um den Faktor 5 oder 10 vergrößert. Scharf gestellte Konturkanten am Objekt kennzeichnen einen hohen Kontrast, der elektronisch in eine andere Farbe, z.B. rot, umgewandelt wird. Je schärfer sich die „roten Konturkanten“ abzeichnen, umso so perfekter ist die Fokussierung in dem betrachteten Bereich. Der EVF kann in seiner Helligkeit eingestellt werden. Damit lässt sich auch bei schwachem Licht oder in der Dunkelheit das Objekt einwandfrei fokussieren. Externe Blitzgeräte werden über eine am Kameraboden befestigte Schiene angeschlossen. Die HSS TTL-Messung ist bis 1/4000 s möglich. Ist der obige Blitzschuh nicht durch den elektronischen Sucher belegt, kann selbstverständlich auch hier das Blitzgerät angeschlossen werden. Da der Abstand zwischen Sensor und Objektbajonett bei Spiegelreflexameras aufgrund des Schwenkspiegels größer ist als bei dieser Messsucherkamera, können mit der Messsucherkamera nahezu alle Objektive von Spiegelreflexkameras verwendet werden, wenn ein entsprechender Adapter zur Verfügung steht.

Die Kamera verfügt nur über einen automatischen Belichtungsmodus, die Zeitautomatik, d.h. die Blende wird vom Fotografen vorgewählt und danach die Belichtungszeit von der Kamera automatisch eingestellt. Soll mit einer bestimmten Belichtungszeit gearbeitet werden, muss über eine Lichtwaage die Blende manuell nachgeführt werden. Bei Serienaufnahmen sind 3 Bilder pro Sekunde möglich. Im Video Full-HD Modus werden 25 Bilder pro Sekunde mit 1080 x 720 Bildpunkten aufgezeichnet. Der Ton-Pegel wird automatisch oder manuell auch während der Aufnahme nachgeführt. Alle Bilder lassen sich alternativ in Farbe oder in Schwarz-Weiß aufzeichnen. Schärfe, Kontrast und Farbsättigung können jeweils in 5 Stufen angepasst werden.

Bei der Kamera steht die Bildqualität im Vordergrund, sie wird durch die Qualitätskette Bildsensor, Bildprozessor und Objektiv bestimmt. Der verwendete neue CMOS Sensor mit speziell geformten Mikrolinsen über den Fotodioden der Pixel und der geringe Abstand der Farbfilter zu den Fotodioden gewährleistet, dass schräg einfallende Lichtstrahlen die Fotodioden weitestgehend senkrecht treffen. Der Vollformatsensor (24 x 36 mm) weist 24 Megapixeln auf und nutzt keinen Tiefpassfilter. Die Farbtiefe beträgt 16 Bit pro Pixel. Bis ISO 3200 ist kaum ein Rauschen festzustellen. In Verbindung mit den manuellen, hochwertigen Objektiven, z.B. mit dem APO-Summicron-M 1:2/50 ASPH (siehe Abbildung, Φ 52 mm) oder dem APO-Summicron-M 1:2/90 ASPH, werden Abbildungsleistungen erzielt, die zurzeit von keiner anderen Vollformat Kleinbildkamera erreicht werden. Die Messsucherkamera ist keine Kamera für die schnelle Reportage im Sport und in hektischen Pressekonferenzen, sie eignet sich für die leise, unauffällige Aufnahme aus dem Hintergrund ohne Geräusche eines Klappspiegels, sie ist auffallend kompakt und puristisch, sie beschränkt sich auf das Wesentliche. Eine Kamera für Individualisten, die die farbgetreue Wiedergabe in der Architektur, Kunst, Natur und Technik schätzen. Welche Kleinbildkamera führt schon den Weißabgleich mittels einer Graukarte durch? Die Kamera ist nicht für Jedermann geeignet, sondern mehr für den ambitionierten Fotografen, der gute Aufnahmen mit den wenigen, aber den richtigen Einstellungen erzielt.



Copyright © : Dr. Günter R. Langecker

Langecker@a1.net

Stand: August 2013


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